GANGI – Die 1€ Stadt in Sizilien

GANGI – Die 1€ Stadt in Sizilien

Ein Häuschen kaufen? Warum nicht in Italien. Ab 1€ können Sie sofort Besitzer eine Immobilie werden.

Kein Witz: Viele italienische Gemeinden wollen mit Angeboten wie diesen neuen Bewohner in ihre Landflucht bedrohten Orte locken. Auch das sizilianische Dorf Gangi.

Gangi, ein kleines Dorf in Sizilien. Die Jungen ziehen weg, weil Sie hier kaum Arbeit finden. Und zurück bleiben die Alten. Bis auch ihnen das Leben im historischen Dorfkern, in dem viele Häuser nur über steile Treppen erreichbar sind, zu mühselig wird.

Landflucht bedroht viele Orte in Italien, immer mehr wandeln sich zu Geisterdörfern. Gangi aber stemmt sich dagegen und bietet seit nunmehr 5 Jahren Häuser zum symbolischen Preis von einem Euro an. „Wir wollen das Dorf revitalisieren, die alten Häusern retten und ökonomische Impulse geben“, sagt Bürgermeister Migliazzo, ein promovierter Ökonom. Gut ein Dutzend Italienischer Kommunen schlagen inzwischen diesen Weg ein- von Piemont bis Apulien. Die meisten Ein-Euro-Angebote finden sich aber auf Sizilien. Hier entstand auch die Idee.

Der Bürgermeister der Gemeinde Salemi machte 2008 schon den Anfang. Er bot an die Kommune vermachte Häuser für einen Euro an. Gangi, 2014 zum schönsten Dorf Italiens gekürt, zog mit einem etwas abgewandelten Konzept nach. Die Häuser gehen hier jedoch nicht in den Zwischenbesitz der Kommune über, sondern diese vermittelt nur zwischen Anbietern sowie Interessenten und unterstützt die Abwicklung. Fünf weitere sizilianische Gemeinden sind dem Beispiel gefolgt. „Sie kopieren unser Konzept“, sagt Bürgermeister Migliazzo. „Sollen Sie ruhig. Es funktioniert ja bestens“.

Der Deal geht so: Für einen symbolischen Euro bekommt der Käufer ein seit Jahren verlassenes Haus, meist ist es in desolatem Zustand. Die Kommune bemüht sich um eine unbürokratische Abwicklung. Im Gegenzug erklärt sich der Käufer bereit, die Immobilie binnen drei Jahren unter Berücksichtigung der Denkmalschutzauflagen zu renovieren. Tut er es nicht, sind 5.000 € Strafe fällig.

In Gangi haben 18 Ein-Euro-Häuser auf diese Weise den Besitzer gewechselt. Und gut 100 weitere, die etwas mehr kosteten und dafür in besserem Zustand waren. Es gibt Hunderte Kaufinteressenten: Italiener, Franzosen, Deutsche, Amerikaner, Israelis. Anwälte aus Palermo, Ärzte aus der Schweiz, Geschäftsleute aus China.

„Es ist eine bunte Mischung“, sagt Gandolfino Scarnato, „und wir heißen sie alle willkommen“. Auf der Piazza Municipale steht der Kleinunternehmer zwischen Fiat 500-Oldtimern und historischen Vespa Rollern, die gerade für ein Filmteam der BBC auf den Dorfplatz geknattert sind.
Der Moderator einer populären Reisesendung lässt sich inmitten der Männer mit ihren Lederjacken filmen. „Wenn man in ein Mafialand reist, ist es nicht schlecht, ein oder zwei Bodyguards zu haben“, tönt er. „Certo“! – „Sicher“! rufen die Männer im Chor. Ist das noch echtes Gangi oder schon die dezente Anbiederung ans Klischee? „Wir sind hier wie eine Familie, wir halten zusammen“, sagt Scartinato. Klingt nach dem nächsten Stereotyp. Aber Scartinato zeigt auf die Motorradmänner, die sich jetzt über eine Vespa beugen, die nicht mehr anspringen will. „Sehen Sie das? Hier hilft man einander. Und jeder kennt jeden“.

Doch wird das so bleiben, in einem Dorf? „Man kommt sicher nicht wegen des pulsierenden Lebens hierher“, sagt ein dänischer Einwanderer, der vor zwei Jahren ein Ein-Euro-Haus bekommen hat. Kaufen will er so etwas nicht nennen: 150.000 € hat er in die Renovierung gesteckt. Nun ist alles neu: Dach, Böden, Leitungen, Türen, Fenster, Bäder, Marmortreppe. „Es wäre auch günstiger gegangen, aber wir wollten es schön haben“, sagt der Einwanderer, der mit seiner Frau in Malmö lebt. Gangi finden beide perfekt. „Im Winter wärmer als Skandinavien, im Sommer nicht so heiß. Und dieser Ausblick auf eine spektakuläre Landschaft“. Der Metzger Attilio sieht jedoch diese Erst-Euphorie skeptisch. Er ist Realist. „Ich glaube, manchen Neu-Gangitanern ist hier zu wenig los, Sobald die Euphorie verflogen ist, sieht man sie nur noch selten“, so betont er.

Insgesamt ist die Zahl der Touristen allerdings in den vergangenen Jahren gestiegen, heute kommen etwa 100.000 pro Jahr. Die Handwerker des Dorfs sind durch die Restaurierungsaufträge gut ausgelastet. Das Ein-Euro-Experiment scheint hier aufzugehen.
Mal sehen wie sich das weiterentwickelt.